DHd 2027: Mind the Gap! – Wissen, Unsicherheit und Verantwortung
Jahrestagung des Verbandes Digital Humanities im deutschsprachigen Raum, ausgerichtet von der Universität Marburg
1. bis 5. März 2027 in Marburg
Einreichungsfrist: 1. August 2026
Die Einreichungen erfolgt über ConfTool
Lücken sind konstitutiv für Wissen. Sie markieren Leerstellen, werfen neue Fragen auf und treiben Erkenntnisprozesse an. Für die Digital Humanities gilt dies in besonderem Maße: Wo Wissen digital codiert, modelliert und computerlesbar gemacht wird, entstehen notwendigerweise Übersetzungen, Reduktionen und Zwischenräume. Die Transformation analoger Objekte in Daten, Modelle oder digitale Repräsentationen erzeugt ebenso Lücken wie die Arbeit mit Materialien, die bereits digital erstellt wurden (“born digital”) und zunächst erfasst, strukturiert, archiviert oder kuratiert werden müssen, bevor sie wissenschaftlich zugänglich werden.
Die DHd 2027 richtet den Blick auf diese produktiven, problematischen und verantwortungsrelevanten Dimensionen von Lücken, Unsicherheiten und Differenzen – und befragt damit auch implizite Ideale von Vollständigkeit und Uneindeutigkeit von Daten sowie die dahinterstehenden Deutungsprozesse. Sie fragt danach, wie Leerstellen, Praktiken und Verfahren die Digital Humanities prägen, als epistemische Voraussetzung, methodische Herausforderung, ethische Verantwortung und Ausgangspunkt neuer Interpretationen. Dabei stehen sowohl materielle und historische Abwesenheiten als auch algorithmische Intransparenzen, Datenlücken, Modellierungsentscheidungen und ungleiche Zugänge zu Wissen und Infrastruktur im Fokus.
Daten mit Bezug auf die menschliche Kultur sind häufig durch Unvollständigkeit geprägt: Quellen sind beschädigt, verloren gegangen, dekontextualisiert oder nur fragmentarisch überliefert. Zugleich erzeugen Digitalisierung und Modellierung neue Formen der Selektion und Vereinfachung. Jede Form der Repräsentation, Klassifikation oder Visualisierung beruht auf Entscheidungen darüber, was sichtbar gemacht, hervorgehoben oder ausgelassen wird. Insbesondere datengetriebene und KI-basierte Verfahren werfen Fragen nach Transparenz, Nachvollziehbarkeit, Unsicherheit und Verantwortung auf.
Das Motto Mind the Gap! verweist darüber hinaus auf bestehende Ungleichheiten innerhalb digitaler Wissensproduktion. Trotz des demokratisierenden Potenzials digitaler Technologien bestehen weiterhin erhebliche Unterschiede im Zugang zu Daten, Werkzeugen,Infrastrukturen und Publikationsmöglichkeiten, abhängig von geografischer, institutioneller, sozialer oder anderer Positionalität. Die Tagung möchte daher auch Raum schaffen für Diskussionen über Teilhabe, Verantwortung und nachhaltige Entwicklungen im Feld der Digital Humanities.
Wir laden Beiträge aus allen Bereichen der Digital Humanities sowie angrenzenden Disziplinen ein. Willkommen sind insbesondere Einreichungen zu folgenden Themenfeldern:
- Lücken und Unsicherheiten in historischen, kulturellen und materiellen Überlieferungen
- Provenienz, Fragmentierung, Dekontextualisierung und fehlende Metadaten
- Modellierung von Vagheit, Unsicherheit und Mehrdeutigkeit
- Grenzen und Selektionsprozesse bei Digitalisierung, Datenmodellierung und Annotation
- Das „digitale Dunkelfeld“ und Fragen der Nicht-Digitalisierung
- Black-Box-Problematiken, KI-Methoden und eXplainable Artificial Intelligence (XAI)
- Wissenslücken und Verzerrungen in Trainingsdaten großer Sprach- und Bildmodelle
- Digitale Rekonstruktionen und der Umgang mit Spekulation und Evidenz
- Unsicherheiten in Visualisierung, Aggregation und Präsentation wissenschaftlicher Ergebnisse
- FAIR-, CARE- und datenethische Fragestellungen
- Anonymisierung, Pseudonymisierung und bewusste Auslassungen sensibler Daten
- Datenkompetenz, Ausbildung und infrastrukturelle Ungleichheiten
- Postkoloniale Perspektiven und Verantwortung im Umgang mit Kulturdaten
- Mixed Methods, KI und Hermeneutik
- Vernetzung von GLAM-Institutionen und digitalen Forschungsinfrastrukturen
- Reflexionen über die Rolle der Digital Humanities in gesellschaftlich und technologisch unsicheren Zeiten
Die Konferenz versteht „Lücken“ dabei nicht ausschließlich als Defizite, sondern auch als produktive Räume der Reflexion, Interpretation und Kritik. Wenn Wissen nicht als abgeschlossenes Produkt, sondern als konstruktiver Prozess verstanden wird, dann sind Unsicherheiten, Leerstellen und Differenzen zentrale Voraussetzungen wissenschaftlicher Erkenntnis.
Die DHd 2027 lädt dazu ein, diese Spannungsfelder gemeinsam zu diskutieren und Perspektiven auf eine verantwortungsvolle, reflektierte und nachhaltige digitale Wissensproduktion zu entwickeln.
Formalia
Eingereicht werden können:
Vorträge (Einreichung von mindestens 1500, maximal 2000 Wörtern)
Vorträge im Doctoral Consortium (Einreichung von mindestens 500, maximal 750 Wörtern)
Panels (minimal drei, maximal sechs Teilnehmer:innen, eine Einreichung von mindestens 1200, maximal 1500 Wörtern)
Poster (Einreichung von mindestens 500, maximal 750 Wörtern)
Vor der Tagung stattfindende, halb- oder ganztägige Workshops (Einreichung von mindestens 1200, maximal 1500 Wörtern)
Für die Einreichung müssen Sie sich in ConfTool registrieren und eine mit dem FidusWriter erstellte dhc-Datei zur Begutachtung einreichen (Der FidusWriter wird derzeit eingerichtet und steht ab Anfang Juni zur Verfügung. Hinweise zur Benutzung des FidusWriter finden Sie in der separaten Anleitung auf der Tagungswebseite). Zusätzlich ist eine Kurzzusammenfassung der Einreichung mit ca. 100–150 Wörtern in ConfTool einzutragen. Die Einreichungen, die den Charakter von regulären, dauerhaft zitierfähigen Kleinpublikationen haben, werden sowohl in der Zenodo-Community des DHd-Verbandes veröffentlicht (individuell und in der Tagungspublikation) als auch gemeinsam mit den Kurzzusammenfassungen auf der Website der Tagung und im Tagungsprogramm.
Die Frist für die Einreichungen läuft am 01.08.2026 (23:59 Uhr, MESZ) ab. Bitte beachten Sie: Wie bereits in den letzten Jahren wird diese Frist nicht verlängert.
Die Begutachtung der Einreichungen erfolgt nach einem Open Peer Review-Verfahren, bei dem die Namen der Einreichenden und Begutachter:innen gegenseitig offengelegt werden (sog. open identities), die Reviews selbst werden nicht veröffentlicht. Eine Benachrichtigung darüber, ob die Einreichung angenommen wurde, wird voraussichtlich bis Anfang November versendet. Im Fall der Annahme wird die Abgabe einer publikationsfertigen Fassung des akzeptierten Abstracts, welche das Review-Feedback berücksichtigt, bis zum 5.12.2026 erwartet. Rückfragen zur Einreichung richten Sie bitte per E-Mail an: dhd2027@uni-marburg.de.
Die wichtigsten Sprachen des Austausches in der DHd-Community sind Deutsch und Englisch. Vorschläge können auf Deutsch oder Englisch eingereicht werden. Wir ermuntern alle Teilnehmer:innen, ihre Beiträge zur Konferenz auf Deutsch vorzutragen, doch auch Beiträge auf Englisch sind willkommen.
Es wird davon ausgegangen, dass angenommene Beiträge von den Einreichenden persönlich und vor Ort vorgestellt werden.
Jede Person darf nur eine einzige Einreichung für einen Vortrag oder ein Poster vornehmen (Rolle: ›Vortragende Person im ConfTool‹) und nur einen Vortrag halten. Die Co-Autorschaft bei maximal zwei weiteren Einreichungen (Vortrag oder Poster) ist möglich. Zusätzlich kann jede Person an maximal einer Panel-Einreichung beteiligt sein. Workshop-Einreichungen fallen nicht unter diese Beschränkung. Jede Arbeitsgruppe des DHd hat darüber hinaus die Möglichkeit zu einer zusätzlichen Einreichung (Workshop, Panel, Poster), die als solchegekennzeichnet werden muss. Es wird empfohlen, bei Einreichungen mit mehreren Einreichenden in einer Fußnote zu Beginn der Einreichung die Rolle(n) der Einreichenden nach der CRediT-Taxonomie (https://credit.niso.org/) auszuweisen (in der Form: „Contributor Roles: Vorname1 Name1 (Conceptualization, Writing – original draft), Vorname2 Name2 (Software), Vorname3 Name3 (Writing – review & editing).“
Eine Einreichung für eine wissenschaftliche Präsentation hat üblicherweise Referenzen, die am Ende in einer Bibliographie aufgelistet werden. Diese werden bei der Ermittlung der Textlänge nicht berücksichtigt. Alle Wörter davor (z. B. Bildunterschriften) werden gezählt.
Eine gute Einreichung folgt den Prinzipien guter wissenschaftlicher Arbeit und beschreibt in inhaltlich und formal strukturierter Weise Forschungsfrage, Material, Methode und Ergebnisse. Bitte beachten Sie, dass es sich bei Ihren Einreichungen um zwar kleine, aber vollwertige wissenschaftliche Publikationen handeln soll, die entsprechend veröffentlicht werden können. Falls Unklarheit über die Form der Einreichung besteht, empfiehlt sich ein Blick in gelungene Beispiele der letzten Tagung: Das Book of Abstracts zur DHd2026 gibt einen Überblick über angenommene Vorträge, Panels, Poster und Workshops. Darüber hinaus empfiehlt sich ein Blick in die Handreichung für den Begutachtungsprozess der DHd-Jahrestagungen.
Mögliche Formate:
Einzelvorträge (20‘ Vortrag + 10‘ Diskussion; Einreichung von mindestens 1500, maximal 2000 Wörtern): Es sollen unveröffentlichte Ergebnisse bzw. Entwicklungen von signifikanten neuen Methoden oder digitalen Ressourcen und/oder ein methodisches bzw. theoretisches Konzept vorgestellt werden. Vortrags-Einreichungen sollten den Forschungsbeitrag in geeigneter Weise vor dem Hintergrund des Forschungsstands kontextualisieren und seine Bedeutung für die (digitalen) Geisteswissenschaften oder einen jeweiligen Teilbereich daraus deutlich machen. Einreichungen für Vorträge müssen sich bei der Einreichung explizit einem der Fokusse “Tool/Resource”, “Theorie/Metareflexion/Positionspapier”, “Methode”, “Computergestützte Analyse/Interpretation”, oder “Offenes Feld” zuordnen. Für Vorhaben, zu denen noch keine Zwischenergebnisse vorliegen, ist das Posterformat vorgesehen.
Zu angenommenen Vortragseinreichungen muss unter Berücksichtigung der Gutachten bis zum 5.12.2026 eine finale Fassung im Umfang von max. 2.500 Wörtern eingereicht werden.
Vorträge im Doctoral Consortium (Einreichung von mindestens 500, maximal 750 Wörtern): Die Förderung des wissenschaftlichen Nachwuchses ist ein besonderes Ziel der DHd-Jahrestagung. Aus diesem Grund können gesondert Vorträge zu einem Doctoral Consortium eingereicht werden, um Dissertationsvorhaben ausgewählter Teilnehmer:innen vorzustellen. Zusätzlich zur Gelegenheit, das eigene Forschungsthema zu präsentieren, können so auch Rückmeldungen des Fachpublikums eingeholt werden, um das eigene Promotionsvorhaben thematisch und methodisch weiterzuentwickeln. Der Fokus liegt auf der Anfangsphase der Promotion. Promovierende mit fortgeschrittenen Projekten werden deshalb ermuntert, Einzelvorträge (s.o.) einzureichen.
Exposés (Umfang 500–750 Worte, plus Literaturverzeichnis) zum Doctoral Consortium können bis zum 1.8.2026 auf dem üblichen Weg über das ConfTool als Beitrag der Art(Konferenztrack) “Doctoral Consortium” eingereicht werden. Die Einreichenden der besten Exposés werden zum Doctoral Consortium eingeladen. Für diese entfällt die Teilnahmegebühr an der Tagung.
Darüber hinaus ist geplant, durch die Einwerbung von Fördergeldern Reisestipendien an Vortragende und Beteiligte zu vergeben, denen nur geringe oder keine finanziellen Mittel im Rahmen eigener Stellen und Projekte zur Verfügung stehen. Auf diese Reisestipendien werden sich auch Teilnehmer:innen am Doctoral Consortium bewerben können. Zu den Reisestipendien wird ein separater Call veröffentlicht.
Panels (minimal drei, maximal sechs Teilnehmer:innen inkl. Moderator:in; 90’ Panel, davon max. 30’ Statements; Einreichung von mindestens 1200, maximal 1500 Wörtern): Panels bieten drei bis sechs Teilnehmer:innen die Möglichkeit, ein Thema zu diskutieren, das den Bereich eines einzelnen Projektes, Projektverbundes oder Forschungsstandorts überschreitet. Panels sollten nicht ausschließlich aus Teilnehmer:innen eines gemeinsamen Projektes bestehen. Es wird dazu ermuntert, insbesondere Panels mit Bezug zum Tagungsthema einzureichen und dem Publikum die Chance zu geben, kontroverse Themen zu diskutieren. Es ist darauf zu achten, dass ein Panel nach Kriterien der Diversität besetzt ist. Es wird erwartet, dass von der 90-minütigen Sitzung nicht mehr als ein Drittel auf vorbereitete Statements entfällt und die Aussprache innerhalb des Panels genügend Zeit für eine Diskussion mit dem Publikum lässt. Die Panel-Organisator:innen reichen eine kurze Beschreibung des Themas im Umfang von mindestens 1200, maximal 1500 Wörtern ein und bestätigen die Bereitschaft der aufgeführten Personen, am Panel teilzunehmen. Für die Annahme einer Paneleinreichung ist die stringente Darlegung des thematischen bzw. methodischen Zusammenhangs der Einzelbeiträge von entscheidender Bedeutung.
Poster (Einreichung von mindestens 500, maximal 750 Wörtern): Poster können zu jedem Thema des Call for Papers eingereicht werden. Sie können auch den Stand einzelner Projekte anschaulich beschreiben. Die Poster werden jeweils gemeinsam mit den Einreichungen in der Zenodo Community des DHd-Verbandes unter einer CC-BY-Lizenz publiziert. Poster, die für die Präsentation angenommen werden, müssen deshalb von den Präsentierenden bis spätestens zum 28.02.2027 als Datei über ConfTool eingereicht werden. Nähere Informationen zum Prozedere werden den Posterpräsentierenden nach der Annahme mitgeteilt.
Vor der Tagung stattfindende Workshops; Einreichung von mindestens 1200, maximal 1500 Wörtern): Neben Lehr-, Fort- und Weiterbildungsformaten oder Tutorials (z. B. zu bestimmten Themen, Technologien, Tools, Schlüsselqualifikationen) können auch kollaborative Arbeitsformen zu Themen und/oder Daten (z. B. Hackathons, Barcamps, Tool-Testings) sowie längere, auf einen vorab definierten Output ausgerichtete Treffen von DHd-Arbeitsgruppen eingereicht werden. Workshops dauern einen halben Tag (4 Stunden, inkl. Pause) oder zwei halbe Tage (7–8 Stunden, inkl. Pausen) und werden am Montag und Dienstag der Tagungswoche stattfinden. Die Einreichungen müssen die folgenden Informationen enthalten:
- Titel und eine kurze Beschreibung des Themas (mindestens 1200, maximal 1500 Wörter), die vollständigen Kontaktdaten aller Beitragenden sowie einen Absatz zu deren Forschungsinteressen
- Angaben zum Format
- Angaben zum Zielpublikum, insbesondere zu notwendigem Vorwissen
- Die Zahl der möglichen Teilnehmer:innen
- Angaben zu einer etwa benötigten technischen Ausstattung
- Den für den Workshop spezifischen Call for Papers, falls ein solcher veröffentlicht wird
Von den Workshopleiter:innen wird erwartet, dass sie sich für die Tagung anmelden.
Die DHd2027 wird als Präsenzveranstaltung abgehalten. Es wird davon ausgegangen, dass angenommene Beiträge von den Einreichenden persönlich und vor Ort vorgestellt werden. Während die Keynotes gestreamt werden, ist für die Konferenz selbst kein Hybrid-Modus vorgesehen.